Das Urteil der Jury im Zweiten O livro Schreibwettbewerb
Bewertung und Begründung durch Dirk Wienecke

Vierter Platz für Clemens Schwarz
Dritter Platz für Madeleine Ott
Zweiter Platz für Friederike Linscheid
Erster Platz für Sarah Wassermair
 

Vierter Platz für Clemens Schwarz
und sein Gedicht "Aus 1 Reise oder die Merznadel"

1.) Bearbeitung der Aufgabe

Die gestellte Aufgabe wurde nicht gelöst. Es wurden keine der vorgegebenen Würfelwörter in das Gedicht eingebaut. Dafür hat der Autor selber ein bisschen gewürfelt und andere WSA-Wörter verwendet. Deswegen sollte das Gedicht "Aus 1 Reise" trotzdem in unserer Wertung berücksichtigt werden.

Zu Gute halten können wir dem Text, dass gleich eine ganze Reihe von Würfelwörtern ("Merznadel", "Besenkoffer", "Kolbenfänger", "Fangblechen", "Hasenwitwen", "Laubliebe", "Putzschleier", "Kirschenkasse") bei seinem Entstehen mit eingeflossen sind. Jedoch wirken die meisten davon irgendwie deplaziert. Sie wurden recht willkürlich und unelegant und ohne besonderen Einfallsreichtum im Text untergebracht. Es sind einzelne Punkte im Text, über die man stolpert, über deren zum Teil unfreiwillige Komik man sich verwundern mag ("Mein Ziel lag wie ein Putzschleier mir im Bauch"), die aber für den Verlauf der Handlung keine besondere Rolle spielen und den Text auch nicht auf eine andere Art zu bereichern vermögen. In meinen Augen eine erfreuliche Ausnahme bildet hier allerdings die dritte Strophe.

2.) Text

Wie der Titel bereits verspricht, haben wir es hier mit einem Gedicht zu tun, das in dadaistischer Tradition steht und wahrscheinlich in Anlehnung an Kurt Schwitters geschrieben wurde. Ein mutiger Versuch, wie ich finde, ganz nach dem Motto: standing on the shoulders of giants. Aber eben bisweilen auch halsbrecherisch, denn zuerst muss der Gigant einmal erklettert werden und dann ist die Fallhöhe noch umso größer. Mit solchen Messlatten wollen wir also vorsichtig sein, aber die Idee an sich hat doch einiges für sich, ist doch der Würfelsprechautomat selbst ein Kind des Dada. Behaupte ich mal.

Gewiß, der Text zerbröckelt dem Leser etwas unter den Fingern, es ist unklar, worauf die einzelnen Bilder hinauslaufen. Es erinnert mich ein wenig an eine Kaffeefahrt, an ein etwas zielloses Umherkreisen in der Fremde, ja, es kommt mir wie eine kleine, biedermeierische Odysseegeschichte vor. Die dörflerische Kulisse, die (absichtlich?) etwas abgestandene, ländliche Romantik ("zur Dorfstraße raus", "Müllertochter = Laubliebe", "Der gute Wein half, der gute Fährmann auch", "Umkränzt wie ein Friedhof unter Bäumen", "Spähte ... weit ins Land") und der zum Teil veraltete Sprachgebrauch ("drei Mark teuer", "Stärkung", "possierlichem Bötchen", "Ich war umweht", "raschforsch Quer Feld Ein") verstärken diesen Eindruck noch. Der Rahmen der "Handlung" ist die sprichwörtliche Suche nach der (Merz-)Nadel im Heuhaufen, wobei die Nadel auch eine Art Platzhalter, ein Symbol für etwas anderes sein könnte ("Meine Verlorene zu finden hoffte ich hier").

Insgesamt kann das Gedicht aber nicht überzeugen. Die Bilder sind zerrupfte Einzelteile, die sich nicht zu einem größeren, bedeutsameren Etwas zusammenfügen wollen, es wirkt alles ein wenig ziellos und uninspiriert auf mich. Hinzu kommt, dass das Gedicht an einigen Stellen wirklich schlampig ist ("Kaufte [Mahlzeit] eine Brote Mahlzeit mir", "Unterm ... nichts gefunden, gähnen + Verdruss") oder auf eine Art unsinnig ("Sie schnarchte Gelegenheit macht Diebe", "Ich war umweht von kalkigem Hauch (ganz zart)", "An der Kirschenkasse kaufte ich Nerz"), die weder intelligent, noch lustig ist. Die Verwendung mathematischer Zeichen und Symbole trägt dann leider auch nicht dazu bei, den Text zu retten. Im Gegenteil, wenn man streng ist und es so liest, wie es auf dem Papier steht, dann klingt es an einigen Stellen wirklich seltsam und unerfreulich: "Aus eins Reise oder die Merznadel. Habe zu gern eins Telegramm aufgegeben [...] Bald traf ich Müllertochter ist gleich Laubliebe." Man mag das Gedicht damit verteidigen, dass es sich dabei eben um eine Art sprachliches Experiment handelt. Dann muss man aber auch zu dem Ergebnis gelangen, dass dieses Experiment in die Hose gegangen ist.

Gleichwohl mein Urteil zu diesem Wettbewerbsbeitrag recht hart ausgefallen ist, sollten wir uns trotzdem dafür entscheiden, dem Teilnehmer für die Einreichung zu danken und das Gedicht mit einem Preis zu honorieren.


Dritter Platz für Madeleine Ott
und ihre Geschichte "[... Elda]"

1.) Bearbeitung der Aufgabe

Die Aufgabe wurde gelöst. Es wurden, wie gewünscht, sechs der von uns vorgegebenen Wörter in die Geschichte eingebaut. Ich bin insgesamt sehr zufrieden, wie die Autorin die WSA-Wörter in den Text integriert hat, bin aber anders als mein Jury-Kollege nicht der Ansicht, dass dies die beste und überzeugendste Lösung der Aufgabe ist, ausgehend von den vier vorliegenden, zum Teil ganz unterschiedlichen Lösungsansätzen. Ich sehe das doch etwas zwiespältiger: Einerseits passen sich die "Uhrenachsen" und der "Dadastreuner" sehr gut in den Text. Ganz besonders hat mir dann die Verwendung und Bedeutungsgebung von "Brummbroiler" gefallen. Well done.

Andererseits bin ich über den "Monsterkonditor" gestolpert. Das Wort kommt vor, wie ein Name, den jeder (außer mir) kennt. Aber es wird nicht erklärt, nicht hergeleitet, nicht angebahnt, nicht verwoben. Es steht einfach da. Ebenso verhält es sich mit dem "Vaginastrauchvogel". Das ist doch ein sehr kurioses, ein sehr erklärungsbedürftiges Wort und der Erzähler sagt mir einfach, er hieße so. Und basta. Das wundert mich, das lässt mich als Leser unzufrieden und, wenn ich mir vorstelle, ich wüsste gar nicht, wie es zu diesem Wort gekommen ist und was es damit auf sich hat, dann würde ich mich noch mehr darüber verwundern: "Hallo. Ich bin's, Vaginastrauchvogel. Ja, Vaginastrauchvogel ist mein Name." Was soll das? Mein Gott, wer heißt denn so? Hat dieser Autor einen an der Waffel? Das würde ich denken, wenn ich nichts vom WSA und diesem Wettbewerb wüsste. Dann ist das auch noch der Auftakt zu der Geschichte. Das ist umso problematischer, weil das Wort "Vaginastrauchvogel" für sich genommen ziemlich albern und vulgär ist. Aber die sich daran anschließende Geschichte ist alles andere als das. Also, nein, dieses Wort passt für mich überhaupt nicht in den Text. Es sperrt sich, es führt in die Irre, es ist wie ein Huppel am Anfang einer ansonsten eher ebenmäßigen Straße. Die "Neurosenbowlen" wiederum finde ich einerseits sehr gut erklärt. Andererseits stehen sie auch irgendwie außerhalb des eigentlichen Textes, wirken wie nachgerückt, so, als hätte man sie am Ende noch schnell drangehängt, um auf die vorgeschriebene Zahl von sechs WSA-Wörtern zu kommen. Erst der Mond, dann die "Neurosenbowlen" das passt nicht wirklich zusammen. Dieser Sprung ist mir zu groß.

Um meine Kritik noch etwas zu relativieren, möchte ich noch folgendes hinzufügen: Von allen vier Autoren hat bei der Lösung unserer Aufgabe Madeleine sich freiwillig dem größten Schwierigkeitsgrad ausgesetzt. In einen dadaistisch tradierten oder surreal anklingenden Text, in die ohnehin seltsame Welt eines Märchens lassen sich die von uns vorgegebenen Würfelsprechwörter sehr viel einfacher, sehr viel unkomplizierter einbauen. Aber die Erzählwelt von Madeleine ist (obgleich der Erzählrahmen und die Existenz und Unsichtbarkeit des Erzählers ganz schön mysteriös und phantastisch anmuten) sehr viel realistischer, sehr viel wirklichkeitsnaher und damit muss auch die Einbettung der WSA-Wörter umso schwerer und anspruchvoller gewesen sein.

2.) Text

Das war einer meiner ersten Gedanken, als ich diesen Text das erste Mal las: Manga, das ist ein Manga! Ohne Bilder zwar, aber doch mit einer ähnlichen Ästhetik: der Fokus, der Zoom einzelner Bewegungen, zeitlupenhaft, die Stilisierung der Figuren, das Schönheitsideal, die Szenenhaftigkeit, die Verlangsamung und Bedeutungsintensivierung einzelner Handlungen, die (Über-)Zeichnung und Reduktion, die Momentaufnahmen. Es ist, als schaue man wirklich durch andere Augen auf die Welt, Augen, die alles etwas intensiver, irgendwie greller und kontrastreicher, aber auch langsamer und gedehnter wahrnehmen, Augen mit einem etwas engeren Sichtfeld als beim Menschen. Ich mag keine Mangas. Aber es ist doch eine eigenwillige Stilistik, die hier angewendet wurde, und das konsequent durchzuführen, ist schon mal eine Leistung, die ich wertfrei anerkennen möchte.

Eine andere besondere Leistung dieses Textes ist seine Perspektive. Ein wirklich guter Autor muss zweierlei beherrschen: Er muss (durch gute Recherchearbeit) vorgaukeln können, dass er mehr weiß als andere, er muss in der Lage sein, Figuren zu erschaffen, die Ahnung haben, Experten, Spezialisten, Männer vom Fach, die wissen, wovon sie reden, Gelehrte oder Intellektuelle und, wenn er es drauf hat, wird er sogar ein Genie darstellen können, ohne selbst eines zu sein. Dabei kann auch Wissen fiktiv sein, wichtig ist, dass es auf seine Art logisch und konsistent und irgendwie glaubwürdig vermittelt ist. Andersherum muss ein guter Autor aber auch in der Lage sein, von seinem Wissen zu abstrahieren und sich in den Nicht-Wissenden hineinzuversetzen. Letzteres ist beispielsweise bei Kinderbuchautoren unerlässlich, und etwas vergleichsweise schwieriges versucht auch Madeleine hier in ihrem Text: sie erschafft eine unsichtbare, fremdartige Intelligenz, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die Menschen zu beobachten und ihr Verhalten zu verstehen. Sie erzählt eine Geschichte durch die Augen eines Betrachters, für den die Welt der Menschen neu und ungewohnt und ein Rätsel mit sieben Siegeln ist, und der nach Erklärungen für die einfachsten Handlungen und Dinge suchen muss, z.B. dafür, was der Mond ist oder wozu man eine Uhr braucht. Das ist zweifelsfrei eine Stärke des Textes, obgleich er in dieser Hinsicht nicht immer konsistent ist, da der unbekannte Beobachter zwar einfache Dinge wie Mond und Uhren nicht zu kennen, einfachste menschliche Handlungen nicht zu verstehen scheint, aber etwas schrecklich kompliziertes wie Ironie ganz problemlos erkennt. Diese Art Erzählperspektive und besonders der Tenor am Ende der Geschichte ("Glück ... Danach streben die Fremden. Sie streben nach einem Gefühl, Nach etwas, was sie nicht greifen können. Nach etwas, was unfassbar ist. Etwas, was einfach nur ein Gespinst ihres Kopfes ist. Doch sie streben danach und wollen daran glauben.") haben mich etwas an "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupery erinnert.

Was mich generell an dem Text ein bisschen stört, ist seine Erklärungsbedürftigkeit. Ich erfahre nicht, was ein Vaginastrauchvogel ist, und auch nicht, warum er die Menschen beobachtet. Er schwadroniert so vor sich hin, erzählt mir, seitenlang, was er sieht, und dann sagt er mir: "Ich weiß nicht, warum ich diese Geschichte erzählt habe." So was ist ärgerlich, gerade wo es doch vorher noch heißt: "Schließlich ist es meine Aufgabe zu erzählen, was ich sehe." Das Erzähltempo ist ja insgesamt etwas langsamer, der Erzählfluss etwas breiter und gemächlicher, aber besonders die Einleitung und das Ende der Geschichte sind mir dann doch etwas zu allgemein und schwammig und vage ("Manchmal sehe ich das Richtige, manchmal sehe ich auch Dinge, die ich lieber nicht gesehen hätte. Aber das tut wohl jeder."). Das Stilmittel der Pause und des Atemholens, der Auslassung und Unterbrechung ("...") prägt den Text und wird bis zur Erschöpfung durchexerziert. Dieser Gestus, dieses ständige Suchen nach Worten, Abbrechen und Neuansetzen, diese große, mühevolle Nachdenklichkeit und dann dieses "Ich sehe ... ich sehe soviel ... ich weiß nicht ... die Menschen sind so ...", das sich so oft wiederholt, dass es irgendwann anfängt zu leiern und dem Leser auf die Nerven fällt. Ein Erzähler, der einem ständig sagt, dass er etwas nicht kapiert, etwas, das mir, dem Leser, problemlos verständlich erscheint, ist eben nur begrenzt tragbar. Die Welt auf eine andere Art, aus einer anderen Perspektive zu betrachten, ist interessant, sie zu betrachten und immer wieder herunterzubeten: "ich verstehe nicht ... keine Ahnung ... weiß nicht", ist es nicht. Außerdem legt das ein bisschen den Verdacht nahe, dass dieser Vaginastrauchvogel (wer oder was auch immer das sein soll) nicht ganz helle sein kann, wo er doch angeblich so viel sieht und "den Fremden schon so unglaublich lang" zuschaut.

Dann der Schluss: "Nie wieder habe ich einen Fremden gesehen, der Elda glich, und auch keinen, der jemals so gehandelt hat, wie der Junge, der sie im Flur festhielt. [...] Aber nichts werde ich jemals weniger verstehen als das Handeln dieser beiden Fremden. [...] Doch, was Glück ist, wissen auch sie nicht ... Das weiß niemand ... Außer vielleicht Elda und der Junge, diese zwei Fremden, die im Flur verschlungen dastanden und lächelten." Zugegeben, jeder Mensch ist eine Art unverwechselbares Unikat, ein Individuum und ich kann mir auch vorstellen, dass ein (zum ersten Mal) frisch verliebter Mensch glaubt, sein Glück wäre einmalig und unvergleichlich vielleicht ist auch wirklich jede Beziehung in unserem Leben etwas einzigartiges. Aber selbst, wenn man dies einräumt, bleibt es mehr als fragwürdig, dass jemand, der die Menschen schon so lange begleitet und beobachtet, noch nie zuvor welche gesehen haben will, die sich lieben, die sich küssen und stehend umarmen, Menschen, die glücklich sind und sich gegenseitig vertrauen. Oder jemanden, der davonläuft und ziellos in der Gegend umherirrt, weil er es mit der Angst zu tun bekommt. Oder Gewalt und Missbrauch. Das alles ist menschlich-alltäglich und kommt vor, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Der Text stellt wichtige Fragen: "Was ist 'glücklich sein' überhaupt?" Aber auf so eine Frage ist ein Beispiel, ein Einzelfall keine hinreichende Antwort und, was Eldas Schicksal, was ihre Geschichte zu etwas Besonderem macht, bleibt uns der Vogel schuldig.


Zweiter Platz für Friederike Linscheid
und ihr Gedicht "Warten auf jemanden der nur einmal kommt"

1.) Bearbeitung der Aufgabe

Die Aufgabe wurde gelöst und zwar hervorragend. Es wurden nicht einfach sechs der durch uns vorgegebenen Würfelwörter in den Text "eingebaut", nein, mit dieser Formulierung würden wir der Leistung der Autorin nicht gerecht werden. Vielmehr hat sie die Vorgaben so ausgewählt, so klug arrangiert und in den Rahmen einer Handlung gesetzt, dass der Text von ihnen getragen wird. Sie geben ihm Zusammenhang und Sinn, sie erschaffen einen Kontext. Sie erschaffen und verdichten die Atmosphäre, die dieses Prosagedicht interessant und lesenswert machen. Daneben wurden noch andere Würfelsprechwörter und eigene außergewöhnliche Wortschöpfungen verwandt ("Mittelauge", "Teufelszähne", "Piekschwanzspitze", "Lebenssafttorte", "Zweiaugfingern"), die sich nahtlos in den Text einfügen und die Lücken zwischen den Vorgaben geschickt zu schließen vermögen. Keines dieser Wörter wirkt auch nur ansatzweise deplaziert oder willkürlich, unsinnig oder irgendwie überflüssig. Bravissimo.

2.) Text

Eigentlich muss man nicht rechtfertigen, warum dieser Text den zweiten Platz verdient. Wenn überhaupt müsste man begründen, warum er nicht erster geworden ist. In einem gnadenlosen Understatement bezeichnet die Autorin ihren Text selbst als "den größten gaga text, den ich so bisher produziert habe". Vollkommen zu Unrecht, wie sich dann herausstellte, ist dieser Text doch, so ungewöhnlich und sperrig er auch nach dem ersten Mal lesen erscheinen mag, von einer ganz besonderen Qualität: er wird bei jedem Mal lesen noch besser.

Im Mittelpunkt dieses Textes steht ein lyrisches Ich, das sich immer mehr in seinem Zuhause verbarrikadiert und verschanzt. Das sich allein mit seinen Ängsten und ganz in seltsame Mythen der Bedrohung versponnen, in seinen Gedanken und verzerrten Wahrnehmungen verkapselt, bis es alle Kontakte mit seiner Außenwelt abgebrochen hat und abgeschnitten ist. Aber diese Isolation wird kontrastiert durch eine unterschwellige Hoffnung, die sich nicht erfüllt, ein unruhiges, beinahe aufgekratztes Warten auf etwas, das nicht eintritt. Es bleibt unbestimmt, worauf genau das LI wartet. Wartet sie darauf, dass jemand die Schwelle zu ihrem Reich überquert, damit sie den Eindringling auf der Stelle töten kann? Wartet sie darauf, dass jemand in ihre Isolation einbricht und sie aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt? Oder ist es wie in dem Gedicht "Der Kurier" von Thomas Zech nur diesmal aus der Perspektive des Opfers: Wartet sie auf den Tod, der in der Verkleidung eines Lieferanten kommt und eine leere Schachtel in der Hand hält? Der Tod kommt nur einmal und das "glitzernde schlangenschwarz" zu Beginn könnte ein Hinweis in dieselbe Richtung sein, allerdings kann man sich vor dem Tod nicht verstecken.

Mir scheint, das lyrische Ich wartet eher auf "jemanden", für den sie selbst Nahrung ist: "ich stromere durch die wohnung, wie krill ohne wal." Das könnte natürlich bedeuten: für den sie Opfer ist. Aber das glaube ich nicht. Der Monsterkonditor unternimmt ja gar nicht den Versuch durch die offen stehende Außenschleuse in ihre Wohnung einzudringen. Sie sagt zwar, niemand dürfe das "zellenatmend" tun, niemand würde das überleben, und doch scheint sie sich fast zu wünschen, dass er's trotzdem täte, und "hätte ihn fast hineingebeten". Und manchmal wünscht man sich etwas, ganz heimlich, auch wenn man Angst davor hat oder man wünscht sich etwas so sehr, dass man Angst hat, es könnte passieren, und gleichzeitig auch Angst, dass es nicht passiert. Und manchmal besagen Verschlossenheit und Abwehr nicht, dass man jemanden nicht mag. Und manchmal ist ein "Nein" eigentlich ein "Ja", und ein "Geh zum Teufel" eigentlich ein "Ich liebe dich". Ganz irrational. Aber Menschen sind so, Menschen tun so wunderbar widersprüchliche Sachen, wenn sie verliebt sind. Und klingt diese Wendung, mit der die dritte Strophe eingeleitet wird, dieses "ich wusste er war's" nicht ein ganz klein bisschen nach: Ich wusste, das war der Richtige? Oder nach: Ich wusste, das war der richtige Augenblick und ich hab ihn verpasst? Ich mag mich täuschen, aber vielleicht handelt dieses Gedicht wirklich von einer verpassten Gelegenheit und von einem Menschen, der einfach furchtbar schüchtern ist.

Was mich an dem Text allenfalls etwas gestört und irritiert hat, ist die lyrische Form. Sie erscheint mir etwas willkürlich gewählt und bläst den Text zu einer Länge auf, die mir unnötig erscheint. Jedenfalls hat der Text einen ganz ausgeprägt erzählenden Charakter und es fällt mir nicht leicht, ihn als Gedicht zu lesen und dabei die entsprechenden Zäsuren am Ende der Zeilen einzuhalten.


Erster Platz für Sarah Wassermair
und ihren Text "Nach der letzten Seite"

1.) Bearbeitung der Aufgabe

Die Aufgabe wurde sehr gut gelöst. Die Autorin hat sich sechs WSA-Wörter aus unseren Vorgaben ausgesucht und diese ziemlich geschickt in ihre Geschichte einfließen lassen. Besondere Highlights sind für mich das urkomische "Haschischjodelhuhn" und die Art und Weise, wie sie den "Dadastreuner" sinnvoll in einen Dialog eingebettet hat. Nun gut, die verwendeten Würfelwörter sind hier nicht dazu ausersehen, die ganze Geschichte zu tragen, so wie bei "Warten auf jemanden der nur einmal kommt", aber dem Empfinden meines Jury-Kollegen, dass einige Begriffe zum Teil etwas aus dem Textfluss herausragen und die Autorin "mehrmals sehr konstruiert auf die WSA-Worte hinleiten" müsse, kann ich mich nicht anschließen. Mag sein, dass die sechs Wörter mehr oder weniger subtil vorbereitet werden einige tauchen eher unerwartet auf und verschwinden wieder, andere werden eine halbe Seite vorher bereits angebahnt aber darin sehe ich keinen Abzug, solange sie dem Text nützen und die Erzählung nicht unterbrechen und stören, indem sie auffällig von der eigentlichen Handlung ablenken. Und das ist hier nicht der Fall: die ausgesuchten WSA-Wörter bereichern den Text, setzen ungewöhnliche und zum Teil wirklich lustige Glanzpunkte. Außerdem halte ich es im Hinblick auf unsere Aufgabe für eine kluge Wahl, dass sich die Autorin im Vorfeld des Schreibens für die Welt des Märchens entschieden hat.

2.) Text

Ich wüsste nicht, was es an diesem Text zu kritisieren gäbe. Er ist unterhaltsam, ohne belanglos zu sein, er ist geistreich, ohne abgehoben zu sein, er ist lustig, ohne albern zu sein, und er ist intelligent, ohne anstrengend zu sein. Ja, hier bin ich ganz der Meinung meines Jury-Kollegen: Ein großartiger Text. Die Mischung macht's und ich bin überzeugt, die Autorin hat für diesen Text die richtige Mischung gefunden, und dem habe ich nichts hinzuzufügen, außer:

Herzlichen Glückwunsch zum verdienten ersten Platz!!!
 

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